Folge 1 – Willkommen in der Zukunft

Tabea half den Kindern gerade mit ihren Hausaufgaben, als auf dem Display des Samfu (smart application manager from unix) der Notruf einging. Es war der soziale Dienst, der ihre Mutter betreute. Tabeas Mutter hatte die Krankheit Multiple Sklerose und brauchte regelmäßige Unterstützung, aber Tabea war viel zu weit weg, um ihr zu helfen.

Tabeas Mutter lebte in der Nähe von Köln in einer dörflichen Umgebung. Tabea war bereits während des Studiums nach Berlin gezogen und abgesehen von einigen Auslandsaufenthalten war sie auch in der Großstadt geblieben. Hier hatte sie ihren Mann Noah kennengelernt. Sie hatten recht früh geheiratet und Kinder bekommen. Zwar wäre sie gern nach der Geburt ihres ersten Kindes aufs Land gezogen, aber mit Noahs Posten war das nicht möglich. Noah war Teamleiter einer ganzen Kohorte von Programmierern, die er leiten musste. Die waren zwar fast alle im homeoffice, aber die Führungskräfte saßen in den jeweiligen Landeszentralen: Berlin, Brüssel, Riga und San Francisco. Ihre Stadtwohnung wurde von der Firma bezahlt, sonst hätten sie sich die Preise nicht leisten können. An kaufen war erst recht nicht zu denken. Der Platz war rar und wenn, musste man weite Wege in Kauf nehmen. In den ländlichen Gebieten sah es etwas besser aus, vor allem dort, wo die nächste große Stadt nicht per öffentlichen Nahverkehr zu erreichen war. Doch Führungskräfte aus der IT brauchten aber Infrastruktur: sie mussten schnell in den Flieger oder die Bahn steigen, Konferenzen halten und Projektverläufe präsentieren. Gab es Verzögerungen wurden auch die Programmierer ins Headquarter zitiert und mussten, bis der nächste Projektmeilenstein erreicht war, dortbleiben.

Tabeas Mutter war traurig, dass sie ihre Enkelkinder so selten sah. Zwar hatten sie einen Oma-Tag die Woche eingeführt, wo die Enkel mit der Oma eine Stunde spielten, aber leider nur per Bildschirm. Tabea war vor allem besorgt, ihre Mutter immer allein zu wissen mit der Krankheit. Ihr Vater hatte sich schon vor Jahren von der Mutter getrennt, hatte ein weiteres Mal geheiratet und zwei Kinder in die Welt gesetzt.

Zum Glück gab es die sozialen Dienste, die es ermöglichten, dass auch alleinstehende kranke Menschen in ihren eigenen Häusern ein würdevolles Leben führen konnten. Sie hatten Einkaufsdienste, Putzdienste, Krankenschwesterdienste und Spazierbegleitung. Außerdem gab es viele Vereine, die Jung und Alt mit ähnlichen Interessen zusammenbrachte. Da gab es den Schachclub, in dem Großväter, deren Enkel 800 km weit entfernt wohnten anderen Enkelkindern, deren Großeltern weit weg wohnten, Schach beibrachten. Es gab Kochclubs, Backclubs, Häkelclubs und Sprachclubs, auch für plattdeutsche Sprachen. Die standen vor allem bei den jungen Leuten hoch im Kurs.

Tabea sah auf der Anzeige, dass ihre Mutter gestürzt war. Ob sie gestürzt war, weil sie ohnmächtig wurde oder die Ohnmacht eine Folge des Sturzes war, konnte sie nicht erkennen, aber während sie auf dem Bildschirm versuchte ihre Mutter zu finden, wurde ihr bereits die Ankunft eines Sozialarbeiters signalisiert. Der Krankenwagen war auch schon alarmiert, der Sozialarbeiter würde ihm die Tür öffnen. Endlich fand Tabea ihre Mutter in der Küche. Auf dem Bildschirm hatte sie bereits die Lebensfunktionen der Mutter überprüfen können. Als sie sie am Boden liegen sah, konnte sie zumindest keine äußeren Verletzungen erkennen. Sie atmete auf.

Die verschiedenen Sozialdienste waren Tabeas Rettung, denn selbst wenn sie ihre Mutter zu sich geholt hätte, konnte sie sich unmöglich regelmäßig um sie kümmern. Außerdem hätte ihre Mutter in Berlin alle ihre sozialen Kontakte verloren, ihre Freundinnen und Bekannte. Der Einsatz der verschiedenen Dienste kostete Tabea einiges an ihren Sozialpunkten. Glücklicherweise hatte sie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement bei der Deutschen Lebensrettungsgemeinschaft ein stattliches Konto, das ihr erlaubte, die Dienste zu bezahlen. Mit dem wenigen Geld, dass sie als Sekretärin in einer Arztpraxis verdiente, konnte sie nicht einmal den Urlaub finanzieren. Sie hatte zwar Sprachen studiert und konnte fünf verschiedene lesen, schreiben und sprechen, aber für einen anständig bezahlten Job half ihr das nicht, denn die meisten nutzten die digitalen Sprachroboter. Wer literarisch etwas auf sich hielt, gönnte sich einen menschlichen Übersetzer, aber alles andere lief per Computer.

 

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